Montag, 5. Juli 2010

Ex-Diktator wieder vor Gericht

Die Toten von Videla sind nicht vergessen


Auf der Anklagebank: Jorge Rafael Videla und Luciano Benjamín Menéndez.


Camilla Landbø


Buenos Aires (KNA) – Sichtlich nervös sucht sich der kleine weißhaarige Mann im dunkelblauen Anzug einen freien Sitz im Gerichtssaal. Das letzte Mal sass er vor 25 Jahren auf einer Anklagebank. Der 84-Jährige mit adretter Brille, der wie der korrekte Nachbar von nebenan aussieht, ist niemand anders als Ex-Diktator Jorge Rafael Videla. Bis 1981 stand er in Argentinien an der Spitze einer Militärjunta. Menschenrechtsgruppen zufolge „verschwanden“ während der Zeit der letzten Diktatur (1976-83) mindestens 30.000 mutmaßliche Regimegegner. Sie wurden erschossen, verbrannt, verscharrt oder aus Flugzeugen in den Río de la Plata geworfen.

Seit vergangenem Freitag muss sich in der argentinischen Stadt Córdoba nicht nur Videla für Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantworten. Vier Sitzreihen im Gerichtssaal sind alleine von Angeklagten belegt, etwa auch vom 83-jährigen Luciano Benjamín Menéndez. Der Ex-General führte die berüchtigte Heeresgruppe 3 an, die besonders brutal gegen Oppositionelle vorging. Den insgesamt 30 angeklagten Militärs und Polizisten sowie einem Arzt wird Mord in 31 und Entführung und Folter in sechs Fällen Ende der Siebzigerjahre vorgeworfen.

Der Prozess gilt in Argentinien als einer der wichtigsten. Einerseits, weil Hauptverantwortliche von damals zur Rechenschaft gezogen werden. Andererseits, weil erstmals der Staatsterror bewiesen sein wird. Militärs verbreiteten während der Diktatur Angst und Schrecken, folterten und ermordeten mit Hilfe von Politikern, Unternehmern, Juristen, Ärzten und katholischen Geistlichen. Todesscheine wurden gefälscht, Häuser von Ermordeten auf Militärs überschrieben, mutmaßliche Regimegegner von Priestern verraten.

Videla führte 1976 den Putsch gegen die demokratische, aber unbeliebte Regierung von María Estela de Perón mit an. Nach Rückkehr der Demokratie wurde der Ex-Diktator 1985 in einem prominenten Prozess gegen die Junta in Buenos Aires zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Fünf Jahre später profitierte auch er von Begnadigungsdekreten des damaligen Staatsoberhauptes Carlos Menem, die bereits Verurteilte von ihren Strafen befreiten. Vergangenen April hob das argentinische Oberste Gericht diese auf.

Mehrere Prozesse stehen dem Ex-Diktator bevor. Kommender September etwa muss sich Videla in 33 Fällen wegen Kleinkinder-Raub verantworten. Besonders Neugeborene wurden während der Diktatur den politischen Gefangenen weggenommen und kinderlosen Militärs zur Adoption überlassen.

Auch die deutsche Justiz ermittelt gegen Videla: Die Nürnberger Staatsanwaltschaft erließ Anfang dieses Jahres einen internationalen Haftbefehl. Dabei geht es um den Deutschen Thomas Stawowiok, der 1978 in Argentinien verschwand. Rechtsmediziner konnten 2009 endlich nachweisen, dass der 20-jährige Student ermordet und als Unbekannter in Buenos Aires bestattet wurde. Weiter wird Nürnberg in einem anderen Prozess gegen Videla als Nebenkläger auftreten. Dem Ex-Juntachef wird ebenso Mord an der Tübinger Soziologin Elisabeth Käseman 1977 und dem Münchner Studenten Klaus Zieschank 1976 angelastet.

Mit Amtsantritt von Präsident Néstor Kirchner (2003-2007) begann nach fast zwanzig Jahren Stillstand die Aufarbeitung der argentinischen Militärdiktatur. 2004 entschied das Oberste Gericht, dass Menschenrechtsverletzungen nicht verjähren. Ein Jahr darauf erklärte es schließlich die Begnadigungsgesetze „Schlusspunkt“ und „Gehorsamspflicht“, die unter anderem damalige Verbrecher vor Prozessen schützten, als verfassungswidrig. Seither werden zahlreiche Gerichtsverfahren wieder aufgerollt oder erst begonnen.

Währendem die lange Anklageschrift vorgetragen wird, hält ein Mann in der ersten Sitzreihe wie ein braver Schuljunge die Hand hoch. Er will etwas anmerken. „Nein, Herr Videla, jetzt nicht“, sagt der zuständige Richter streng. „Sie werden noch genug Gelegenheit bekommen zu reden.“ Murmeln im Gerichtssaal. Der frühere Diktator schweigt. Der Prozess mit mehr als 60 Zeugen wird voraussichtlich bis Ende Jahr dauern.

Donnerstag, 1. Juli 2010

Santo Diego

Argentinien verehrt Maradona wie ein Heiliger


Gequälter Blick: Ist sein Liebling Lionel Messi wieder gefoult worden?


Camilla Landbø

Buenos Aires – Maradona hats wieder einmal geschafft: Er ist eine Attraktion bei der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika. Diesmal allerdings am Rande des Spielfelds, als National-Coach der argentinischen Elf. Die Kameras der Welt rücken den untersetzten 49-Jährigen im schicken Anzug auffallend oft ins Bild. Wenn er nach einem Tor jubelnd herumwirbelt. Wenn er empört aus der Wäsche schaut. Oder wenn er seinen Spielern Küsse verteilt und sie liebevoll tätschelt. Maradona ist pure Unterhaltung und irgendwie «in». Bereits vor dem ersten Anpfiff dieser Weltmeisterschaft sorgte er für Schlagzeilen. Er ließ im WM-Quartier seines Teams eine beheizbare Klo-Schüssel einbauen. Seither sind die luxuriösen Toiletten in Südafrika ein Verkaufsschlager.

Drei Mal spürte man vergangenen Sonntag Buenos Aires beben. Drei Mal schallte „Goooooaaaal“ durch die wegen des WM-Spiels ausgestorbenen Avenidas der Metropole. Maradonas Elf gewann im Achtelfinal 3:1 gegen Mexiko und qualifizierte sich fürs Viertelfinal – gegen Deutschland. Obwohl es ein grauer und kalter Tag war, stürzten die Argentinier im ganzen Land auf Straßen und Plätze und feierten den Sieg ihrer Albiceleste ausgiebig, euphorisch, ja, ekstatisch. Wer ebenso befeiert wurde, war das ehemalige Fußball-Ass, die Nummer Zehn, der heutige Trainer Diego Armando Maradona. „Vor der Weltmeisterschaft hieß es in Argentinien, ich verstünde als Coach überhaupt nichts“, sagte er in Südafrika lakonisch vor Journalisten. „Jetzt mit vier Siegen nacheinander sagen sie, ich sei der Beste.“

Trainer-Neuling Maradona hatte vergangenes Jahr während der WM-Qualifikation in der Tat bitter zu leiden. Seine Mannschaft schied beinahe aus. Fans waren sauer. Seine Wahl als National-Coach nannten viele einen Fehlgriff. Es schien, als ob der Stern des Fußballgottes kläglich unterginge. Eine riesige Blamage war das Spiel in La Paz: Bolivien demontierte die Argentinier mit einem 6:1-Sieg. Nach einer Reihe von weiteren Niederlagen setzte sich Maradona für elf Tage fluchtartig nach Italien ab, in ein Spa. Eine Depression quälte ihn. Diego sei Dank konnte sich die Albiceleste doch noch für die WM qualifizieren.

Aber jetzt ist das alles sowieso alter Kaffee. Maradona ist in Argentinien wieder ein Volksheld. Wutausbrüche, verbale Obszönitäten, übertriebene Coolness – alles ist vergessen. Auch die Maradona-Kirche – Iglesia Maradoniana – kann wohl zurzeit mit einem größeren Zulauf rechnen. Gegründet wurde die katholisch geprägte Kultstätte vor rund zwölf Jahren in der argentinischen Stadt Rosario, heute zählt sie ein paar Zehntausende Mitglieder weltweit. Klar: Angebetet wird Gott, also Diego. Die Religion ist der Fußball, die Bibel Diegos Autobiographie „Yo soy Diego“ und Reliquien sind hellblauweiße Trikots. Weihnachten wird am 30. Oktober gefeiert, zu Maradonas Geburtstag. Momentan halten sich Kirchenmitglieder in Südafrika auf. Vor jedem Spiel beten sie „Diego unser auf Erden...“

Diesen Samstag sehen sich die Jungs von Maradona „dem bisher wichtigsten Spiel der ganzen WM“ gegenüber, wie der Meister selber sagt: Argentinien gegen Deutschland. Vor vier Jahren jedenfalls bezwangen im Viertelfinal die Deutschen das argentinische Team im Elfmeterschießen. Dieses Mal werde man den Platz als Sieger verlassen, heißt es bei den Gauchos. „Ich fühle mich wie 1986, ich würde am liebsten das Trikot anziehen und aufs Spielfeld rennen“, so Maradona während einer Pressekonferenz.

1986 gewann Argentinien das WM-Endspiel in Mexiko mit 3:2 gegen Deutschland. Zuvor im Viertelfinal gegen England hatte Maradona – erst mit einem Handtreffer, mit der „Hand Gottes“, dann mit einem Tor nach einem atemberaubenden Dribbeln übers halbe Spielfeld – die argentinische Nationalmannschaft ins Halbfinale geführt. An jenem Tag wurde Diego Gott.

Und wenn Maradonas „muchachos“ am Sonnabend ausscheiden? Liebesentzug in Argentinien? Wohl kaum. Mit dem erfolgreichen Einzug ins Viertelfinal hat die 1,65-Meter-Fußballgröße seine Sporen abverdient. Und falls die Albiceleste WM-Meister wird, wissen wir ja, was uns erwartet: Pelusa, Wuschelkopf, wie ihn die argentinischen Medien gerne nennen, will splitternackt um den Obelisken in Buenos Aires laufen. Einige haben bereits angekündigt, Santo Diego dabei zu begleiten. Das könnte der nackte Wahnsinn werden.

Sonntag, 10. Januar 2010

Politisches Hickhack ums Geld

Cristina Kirchner setzt den Zentralbankchef ab. Eine Richterin befördert ihn wieder auf seinen Posten. Wird die Regierung rechzeitig zu ihrem Geld kommen?


Als noch alles gut war: Zentralbankchef Redrado und Cristina Kirchner.

Camilla Landbö, Buenos Aires

Martín Redrado setzte sich am Freitag in der Zentralbank wieder auf den Chefsessel. Eine Bundesrichterin hatte seine Absetzung durch die Präsidentin Cristina Kirchner rückgängig gemacht. Zudem stoppte die Juristin eine Auszahlung von Währungsreserven – ein Geldtransfer, der vom argentinischen Staatsoberhaupt ebenfalls per Dekret bestimmt worden war. Die Regierung braucht das Geld, um Auslandschulden zu bezahlen. Der Streit spitzt sich zu.

Beim derzeitigen Polithickhack dreht sich am Ende alles nur um die Zahlungsglaubwürdigkeit Argentiniens gegenüber ausländischen Investoren. Das Land will zurück an die internationalen Finanzmärkte. Solange es aber Altgläubigern die Schulden nicht bezahlt, kann es keine neuen Staatsanleihen herausgeben. In den nächsten Tagen wäre in den USA eine Verhandlungsrunde zwischen Argentinien und Anleihgläubigern geplant. Darunter befinden sich viele deutsche Privatanleger, die seit der Wirtschaftskrise 2001/02 von Argentinien darauf warten, dass ihre Staatsanleihen beglichen werden. Buenos Aires sieht ein Umschuldungsabkommen mit neuen Anleihen vor. Um glaubwürdig auftreten zu können, muss zumindest die Staatskasse stimmen.

Die argentinische Regierung wollte vor der Verhandlungsrunde ihren problematischen Staatshaushalt in Ordnung bringen. Im laufenden Jahr sieht sie nämlich vor, rund 13 Milliarden Dollar Schulden im In- und Ausland zu tilgen. Dazu fehlen ihr aber in etwa 6,5 Milliarden Dollar in der Kasse. Dieses Geld hätte nun der Zentralbankchef Redrado von den rund 48 Milliarden Dollar Währungsreserven auf das Konto des Schuldendienstes vom Wirtschaftsministerium überweisen sollen. Jedoch: Redrado weigerte sich. Er wies auf die Unabhängigkeit der Zentralbank hin und darauf, dass eine solche Geldüberweisung der Zustimmung des Parlaments bedarf und nicht per Dekret gefordert werden kann.

Genervt ob der störrischen Haltung Redrados bat Cristina Kirchner am Mittwoch um seinen Rücktritt. „Ich trete nicht zurück“, antwortete der Zentralbankchef rebellisch. Die Präsidentin verlor die Geduld gänzlich und setzte ihn am Donnerstag per Dekret kurzum ab. Redrado suchte die Justiz auf, dies sei verfassungswidrig. Am Freitag gab ihm die Bundesrichterin María José Sarmiento. Zudem fror sie vorerst die Währungsreserven ein – auf Antrag der Opposition.

Die Regierung will Rechtsmittel gegen die Anordnungen Sarmiento einlegen. Erfolglos. Nach Angaben des Kabinettschefs Aníbal Fernández habe sogar die Bundespolizei am Freitag überall nach der Bundesrichterin gesucht. „Eine lächerliche Situation“, so Fernández empört. Die Sarmiento äußerte sich dazu am Samstag über die Medien. Sie sei erst ab Montag wieder im Dienst. Gleichzeitig versicherte sie, sie sei sehr wohl erreichbar gewesen, die Regierung übe Druck auf sie aus. „Bei mir steht nun rund um die Uhr ein Polizeiwagen vor der Tür, ich habe aber nicht um eine Überwachung gebeten.“

Die Zeit läuft der Regierung von Cristina Kirchner davon. Das Parlament befindet sich bis März in der Sommerpause. Eine außerordentliche Sitzung könnte zwar einberufen werden. Im Parlament hält allerdings die Opposition die Mehrheit.



Samstag, 24. Oktober 2009

Lebenslänglich für General

Buenos Aires - Der frühere argentinische General Jorge Olivera Rovere ist wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Der 82-Jährige wurde für vier Morde und 107 Fälle von Entführungen oder «Verschwindenlassen» von Menschen während der Diktatur von 1976 bis 1983 verantwortlich gemacht.
Olivera Rovere galt als rechte Hand des Generals Guillermo Suárez Mason, einer der Anführer des Militärputsches von 1976. International bekannt geworden war Olivera Rovere als Sprecher des Diktators Leopoldo Galtieri während des Falklands-Kriegs 1982 gegen Grossbritannien. Olivera Rovere war im März 2004 nach der Annullierung eines Amnestiegesetzes festgenommen worden. Später kam er gegen Kaution frei.
Nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen «verschwanden» während der argentinischen Militärdiktatur 30'000 Menschen. Ein weiterer Ex-General, Bernardo Menendez, wurde am Freitag ebenfalls zu lebenslanger Haft verurteilt; drei weitere Militärs wurden freigesprochen.

Mittwoch, 23. September 2009

Flüge in den Tod

Pilot der Fluglinie Transavia verhaftet


Julio Alberto Poch: während der Militärdiktatur und heute.

Buenos Aires - Wegen seiner mutmaßlichen Beteiligung an den "Todesflügen" während Argentiniens Militärdiktatur (1976-1983) ist in Spanien ein Pilot der niederländischen Fluglinie Transavia festgenommen worden. Wie spanische und niederländische Behörden heute mitgeteilt haben, wurde Julio Alberto Poch am Dienstag in Valencia festgenommen. Der Ex-Leutnant der argentinischen Marine soll für den Tod von rund 1000 Menschen mitverantwortlich sein.

Poch sei auf Verlangen der argentinischen Regierung verhaftet worden, sagte ein Sprecher des niederländischen Außenministeriums. Der Ex-Militär habe die argentinische und die niederländische Staatsbürgerschaft. Eine Transavia-Sprecherin bestätigte die Festnahme am Flughafen von Valencia. Der Pilot sei für einen Rückflug in die Niederlande eingeteilt gewesen. "Wir warten nun auf Informationen über die genauen Vorwürfe gegen ihn", sagte die Sprecherin.

Nach Angaben des spanischen Innenministeriums soll Poch während der argentinischen Diktatur als Pilot auf der Luftwaffenbasis der Marine-Technikerschule ESMA gearbeitet haben - die ESMA war während der Militärdiktatur eines der größten Folterzentren und Gefängnisse des Landes. Viele Regimegegner - darunter auch harmlose Studenten - kamen da nicht mehr lebend heraus.

Die Militärjunta hatte einem Bericht der argentinischen Regierung zufolge während des sogenannten „Schmutzigen Krieges“ mehr als 11.000 Regimegegner getötet oder verschwinden lassen. Menschenrechtsgruppen gehen gar von bis zu 30.000 Opfern aus. Eine Vorgehensweise waren die Todesflüge. Dabei wurden die Menschen betäubt aus Flugzeugen oder Hubschraubern in Flüsse oder in den Atlantik geworfen. Bis 2005 musste keiner der Täter Konsequenzen fürchten. Zwei Gesetze schützten Hunderte früherer Militärs vor Bestrafungen. Auf Druck des damaligen Präsidenten Néstor Kirchners hob der Oberste Gerichtshof des Landes beide Gesetze auf.


Poch bei seiner Festnahme in Valencia in Spanien.

Donnerstag, 16. Juli 2009

Schweinegrippe in Argentinien

Viele Menschen bleiben lieber zu Hause

Mit Mundschutz unterwegs - kein seltenes Bild zurzeit.

Buenos Aires - Damit die Schweinegrippe eingedämmt werden kann, sind in Argentinien verschiedene Maßnahmen getroffen worden: Schüler, Studenten, Staatsangestellte und Schauspieler bleiben seit Tagen zu Hause. Rund 90 Prozent der Grippekranken sollen in Argentinien mit dem Virus A(H1N1) infiziert sein.

Die Zahl der amtlich gemeldeten Schweinegrippe-Todesfälle ist in wenigen Tagen auf 155 erhöht. Wie das Gesundheitsministerium am Donnerstag mitteilte, wurden seit Samstag 61 neue Todesfälle registriert. Damit weist Argentinien nach den USA die höchste Zahl tödlicher Schweinegrippe-Fälle auf. In den USA starben nach amtlichen Angaben bis Sonntag 170 Menschen an dem Virus A (H1N1), Mexiko meldete 124 Todesfälle.

Freitag, 3. Juli 2009

Wahldebakel für Präsidentenpaar

Cristina Kirchner verliert Mehrheit im Parlament


Bestürzter Néstor Kirchner, Ehemann der Amtsinhaberin.

von Camilla Landbö

Buenos Aires – Im Wahlbunker der regierenden Partei Frente para la Victoria (FPV) von Präsidentin Cristina Kirchner blieb es am Sonntagabend still, sehr still. Zumindest von Seiten der Hauptakteure. Weder das Staatsoberhaupt noch ihr Ehemann und Abgeordnetenkandidat Néstor Kirchner zeigten sich den Medien. Und das aus gutem Grund. Die ersten Resultate nach Urnenschluss waren für das Führungsduo erschütternd: Provinz um Provinz meldeten Niederlagen ihrer peronistischen Partei – oder nur knappe Siege. Es stand rasant schnell fest, Cristina Kirchner hat bei den Parlamentswahlen in Argentinien die Mehrheit im Kongress verloren, sowohl im Abgeordnetenhaus als auch im Senat.

Derweil jubelten in zahlreichen Wahlfestungen der Opposition Anhänger und gewählte Politiker, die bei jeder Gelegenheit das Wort ergriffen und sich im Siegesrausch badeten. Die Gewinner gegen die Kirchners kommen aus allen Lagern: aus dem eigenen, linken, gemäßigten, konservativen und rechten.

Argentinien wählte vorgestern die Hälfte der 257 Sitze im Abgeordnetenhaus sowie ein Drittel der 72 Senatorensitze. Der Urnengang galt als Stimmungsbarometer, wie es zur Halbzeit um die Regierung von Präsidentin Cristina Kirchner bestellt ist, sowie als „Vorlauf“ der in zwei Jahren anstehenden Präsidentschaftwahlen. Die Regierung erhielt landesweit nach ersten Auszählungen lediglich rund 30 Prozent der Wählerstimmen. Im Abgeordnetenhaus verlor sie somit 22 und im Senat vier Sitze.

„Es ist eine riesige Wahlschlappe“, sagt der politische Analyst Jerónimo Biderman Núñez. Das Präsidentenpaar habe die Wahl zu einem Plebiszit über seine Regierung gemacht und um „Alles oder Nichts“ gespielt. „Die ersten Resultate sagen ganz klar: Kirchner hat die Macht verloren – landesweit.“ Als einer der Gründe für diese Niederlage sieht er den stetigen Konfrontationskurs, den die Kirchner in den letzten sechs Jahren gefahren sind. „Die Leute haben die Nase voll, dass sich das Präsidentenpaar dauernd streitet.“

Die Teilerneuerung des Parlaments hätte gemäß Verfassung am dritten Oktobersonntag stattfinden sollen. Präsidentin Cristina Kirchner liess die Wahlen aber vorverschieben. Wegen der weltweit schwierigen wirtschaftlichen Situation, so damals die Worte der Präsidentin. „Es wäre Selbstmord sich bis zum Oktober in einen Wahlkampf und Streitigkeiten zu verwickeln, während die Welt in Scherben fällt und die Scherben auf uns fallen könnten.“ Im Unrecht war sie nicht, der wirtschaftliche Abschwung hat jetzt auch in Argentinien bemerkbar gemacht: Kleinbetriebe schließen, Arbeitslosigkeit wächst, Löhne sinken. Und besonders hart soll es erst in der zweiten Jahreshälfte werden, eine tiefe Rezession wird erwartet.

Tatsache ist, seit Cristina Kirchners Amtsantritt sind ihre Popularitätswerte von rund 60 Prozent auf rund 30 Prozent gefallen. Begonnen hat dieser Sinkflug vergangenes Jahr, als die Amtsinhaberin mit den Landwirten einen monatelangen Streit um Exportzölle führte. Straßensperren, Streiks, Nahrungsmittelmangel waren Folgen, die die Bevölkerung verärgerte. Die Angst also, bis Oktober noch mehr Zustimmung im Volk zu verlieren, scheint der Hauptgrund für die Vorverlegung der Wahlen gewesen zu sein.

Néstor Kirchner hätte helfen sollen, die Machtbasis der Präsidentin für die fehlenden zwei Jahren ihrer Amtszeit zu zementieren. Das frühere Staatsoberhaupt (2003-2007) und heutiger Chef der peronistischen Gerechtigkeitspartei PJ kandidierte in der Provinz Buenos Aires, in der rund 38 Prozent aller Stimmen vergeben werden, an der Spitze seiner FPV für einen Sitz als Abgeordneter im Parlament. Sein Gegenspieler aber, Francisco de Narváez, stahl ihm – bereits im Vorfeld – die Show.

Der schwerreiche Geschäftsmann und ehemalige Parteigenosse trumpfte in der Provinz mit rund 34,5 Prozent der Stimmen über Néstor Kirchner, der rund 32 Prozent erreichte. De Narváez vom rechten Flügel der Peronisten hatte sich mit der Partei des Unternehmers und Regierungschef der Hauptstadt Buenos Aires, Mauricio Macri, zur „Unión PRO“ zusammengeschlossen. Den Einzug ins Abgeordnetenhaus hat der Präsidentengatte dennoch geschafft.

Die Verlust der Stimmen bei der ärmeren Bevölkerung in der Provinz Buenos Aires ist eine der wichtigsten Gründe für die Niederlage der Regierung, sagt der politische Analytiker Biderman Núñez. Bisher konnte sie mit rund 75 Prozent aus dieser Wählerschaft rechnen, dieses Mal waren es nur rund 50 Prozent. Mit den Zitaten wie „Ich helfe den Armen“ habe es dieses Mal nicht ausgereicht, „da diese den wirtschaftlichen Abschwung auch zu spüren begonnen haben“, so Biderman Núñez.

Nicht einmal mehr in Santa Cruz, die Heimatprovinz von Néstor Kirchner, setzte sich seine Partei durch. In der Stadt Buenos Aires erhielt die neoliberale Partei PRO von Mauricio Macri die meisten Stimmen – seine Vize, Gabriela Michetti, zieht ins Parlament ein. Ein überraschend gutes Resultat erzielte Filmemacher Fernando „Pino“ Solanas. Der Linke, der sich für Verstaatlichungen und Umweltfragen einsetzt und besonders Künstler und Intellektuelle anspricht, belegte den zweiten Platz. In der Agrarprovinz Santa Fe gewann die Liste des ehemaligen Formel-1-Rennfahrers Carlos Reutemann. Der innerparteiliche Feind Kirchners, der „nicht einmal bis zur nächsten Ecke mit Néstor laufen würde“, liebäugelt zudem mit einer Kandidatur für die Peronisten (PJ) bei den Präsidentschaftwahlen 2011.

Wie weiter? Das neu gewählte Parlament tritt erst im Dezember dieses Jahres zusammen. In den folgenden sechs Monaten also regiert die Präsidentin noch mit absoluter Mehrheit weiter. Die Opposition befürchtet, dass Cristina Kirchner viele Gesetzesvorlagen noch durchboxen will. Nachher aber sollte es für die Amtsinhaberin ungemütlich werden. Die Sondervollmachten, die die Regierung seit 2002 hat, um am Parlament vorbei Änderungen im Haushalt vorzunehmen, scheinen auch bereits gefährdet zu sein. Die Opposition hat angekündigt, ihr diese so rasch als möglich mit einem Gesetzesentwurf zu entziehen. „Cristina Kirchner bleibt jetzt also nichts anderes übrig, als ihren Führungsstil zu ändern“, sagte Analyst Biderman Núñez. „Sie muss zu dialogisieren beginnen.“

Erst um zwei Uhr in der Früh auf Montag betrat ein sichtlich bestürzter und abgeschlagener Néstor Kirchner die Bühne im Wahlbunker und richtete erste Worte an seine Anhänger und die Presse. „Wir haben nur um sehr wenige Punkte in der Provinz Buenos Aires verloren“, räumte er mit sehr ernster Miene ein. „Das ist Demokratie, manchmal gewinnt, manchmal verliert man halt.“ Er wies jedoch darauf hin, dass seine Partei in vielen Provinzen dennoch ihr Ziel erreicht oder nur sehr knapp verpasst hätte. „Wir werden mit mehr Lust als je zuvor weiterarbeiten und die Demokratie festigen – ohne Wut, mit Liebe und Freude.“ Kontrastreich: Optimistische Worte mit traurig trockener Stimme.